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9. Herr Knechter  und der Krankenbesuch

Leonard ging nun schon einige Zeit in die Konfirmandenstunde. Eigentlich hatte er auch Gefallen am Programm, das Pfarrer Frömmle für seine Konfirmanden vorbereitet hatte.  Gemeinsam hatten sie sich die Kirche angesehen und alles erkundet, was man dort finden kann. Eine Fahrt nach Buchenwald, die Reise nach Taize in den Herbstferien, der Besuch im Landeskirchenamt und der bei der Kirchenzeitung waren nicht nur interessant, die Konfirmanden erlebten auf diese Art und Weise auch, wie unterschiedlich Menschen ihr Leben mit Gott gestalten. Auch die Konfirmandenstunden waren sehr interessant, denn Pfarrer Frömmle konnte gut erzählen. Einmal kam Herr Knechter in seiner Eigenschaft als Kirchenältester und berichtete über das Gemeindeleben. Leonard bekam dadurch einen Eindruck, wie so eine Kirchgemeinde funktioniert. Herr Knechter erzählte den Konfirmanden auch, dass es auf den Dörfern immer wieder Mitglieder der Chöre und der Posaunenchöre sind die, das Gemeindeleben in Schwung halten Der Wermutstropfen bei allem war die Frau des Pfarrers. Frau Frömmle hatte eine sehr bestimmende Art. Meist hängte sie sich in alles hinein, was ihr Mann machte, auch wenn es sie nichts anging. Kurz nachdem Familie Frömmle eingezogen war, hatte man im Dorf gesagt: „Der Pfarrer ist ja in Ordnung, aber seine Frau…“ Wenn Frau Frömmle im Altenkreis eine Initiative einbrachte, sagte Gerds Oma immer hinter vorgehaltener Hand zu ihrer Nachbarin: „ Der Herr Jesus und ich, wir haben beschlossen…“.

Einmal gab es im Posaunenchor Ärger. Frau Frömmle hatte die Bläser zu einem Einsatz verdonnert, ohne vorher zu fragen. Herr Knechter versuchte seine Leute mit der Bemerkung „Aber sie hat es doch gut gemeint“ zu beschwichtigen. „Gut meinen und machen sind zweierlei Sachen“, sagte Gerd. Herr Knechter widersprach nicht, wahrscheinlich hatte er auch ein Problem mit Frau Frömmle.

Leonard ging Frau Frömmle am liebsten aus dem Weg. Kurz nach dem Reformationstag hatte sie ihn aber doch nach der Konfirmandenstunde abgefangen und sich bei ihm darüber beschwert, dass die Konfirmanden den Gemeinderaum so unordentlich verlassen hätten. Leonard war sauer weil der Raum vom Seniorenkreis her schon schmutzig gewesen war, aber an die traute sich Frau Frömmle nicht heran. Er lief geradewegs zu Gerds Oma, um ihr sein Herz auszuschütten. Schon von weitem sah er, dass irgendetwas nicht stimmte. Der Krankenwagen stand vorm Haus. Gerade als Leonard um den Krankenwagen bog, sah er wie die Sanitäter eine Trage aus dem Haus brachten auf der Gerds Oma lag. Ein Arm hing nach unten, das Gesicht sah aus wie Wachs und der Mund stand offen. Leonard blieb wie vom Blitz getroffen stehen. Er konnte nicht begreifen, was er da sah. Keinen klaren Gedanken konnte er fassen. Warum Gerds Oma auch noch? Diese Frage kam ihm langsam in den Sinn und begann in seinem Kopf zu hämmern. Seine Kehle war wie zugeschnürt, und in seinem Hals fühlte es sich an, als ob er einen Kloß darin hätte. Dann drehte er sich langsam um und begann zu laufen. Er lief durch das Dorf, über die Felder, in den Wald. Dann begann er zu rennen und wurde immer schneller und schneller. Irgendwann bemerkte er, dass es dunkel wurde und dass ihm die Puste ausging. Dann erst drehte er um und ging heim. Die ganze Woche traute er sich nicht zu Gerd, weil er Angst hatte. Am liebsten wäre er nicht zur Chorprobe gegangen. Gerd kam auch später und sah ernster aus als sonst. Normalerweise schwatzten Gerd und Leonard zum Leidwesen von Herrn Knechter miteinander. An diesem Abend traute sich Leonard nicht, das Wort an seinen Freund zu richten. Gerd sagte auch nur: „Oma ist noch nicht über den Berg“. Am Ende der Chorprobe machte Leonard dann den Vorschlag, dass die Bläser am Samstag ein Ständchen im Krankenhaus spielen könnten.

Herr Knechter hatte im Krankenhaus nachgefragt und die Genehmigung bekommen, dass der Posaunenchor am Nachmittag im Hof spielen dürfte. Natürlich war Leonard auch dabei. Zuerst spielten sie die Lieblingschoräle von Gerds Oma. Leonard musste sich sehr zusammenreißen, dass er nicht losheulte, denn während des Blasens ging ihm vieles durch den Kopf. Er dachte an den Tod von seiner Oma an die Zeit, als er sich so allein fühlte und daran, wie schön es war, wieder jemand zu haben, der Zeit für ihn hatte. Als die Bläser dann das Lied ´Harre meine Seele` anstimmten konnte sich Leonard nicht mehr beherrschen. Er musste die Trompete absetzen und begann zu schluchzen.   Die Tränen rannen ihm über das Gesicht und er konnte sich nicht beruhigen. „Sie darf nicht sterben“ sagte er zu Gerd, der hilflos daneben stand, und begann wieder zu weinen. Die Bläser waren ratlos, bis Eberhard Leonard in den Arm nahm. „Komm wir gehen gemeinsam hoch um sie zu besuchen. Sie will bestimmt nicht so eine Heulsuse sehen“. Dieser Satz klang zwar etwas rauh, aber Leonard beruhigte sich.

Oben im Krankenzimmer waren Leonard, Gerd, Eberhard und Herr Knechter. Als Gerds Oma Leonard sah, huschte ein Leuchten über ihr Gesicht. Sie flüsterte: „Spiel mir was“. Die Bläser sahen sich an, weil sie wussten, dass man das nicht darf. Leonard nahm trotzdem die Trompete, setzte an und spielte. Die anderen beiden konnten nicht widersprechen, weil sie sahen, wie die Augen von Gerds Oma auf die Trompete gerichtet waren und bei seinem Spiel zu leuchten begannen. Auf dem Gang kam gerade die Oberschwester vorbei und glaubte ihren Ohren nicht zu trauen. Sie öffnete die Tür und holte tief Luft. Eine andere Kranke im Zimmer schaffte es gerade noch, der Oberschwester ein Zeichen zu geben. „Sie hat es sich doch so gewünscht, Schwester“ sagte die Frau. Die Oberschwester drehte sich auf dem Absatz herum und verschwand. Nachdem Leonard fertig war, verabschiedeten sich die Bläser und gingen. Vor der Zimmertür wurden sie aber schon erwartet. „Was hast du dir eigentlich dabei gedacht?“, fragte die Schwester erbost und zog Leonard am Ohr. Und zu Herrn Knechter gewandt: „Sie alter Esel hätten das aber verbieten müssen, Sie wissen doch dass man so etwas nicht darf!“ Die drei gingen aus dem Krankenhaus wie begossene Pudel, trotzdem hatten sie das Gefühl, dass sie das Richtige getan  hatten.

Seit diesem besonderen Ständchen ging es mit Gerds Oma wieder bergauf. Kurz vorm ersten Advent kam sie nach Hause. Sie war zwar noch geschwächt, aber doch dann sehr froh, wieder in ihren eigenen vier Wänden zu sein. Leonard besuchte  sie jeden Tag, bis seine Mutter sagte er solle die arme Frau doch lieber nicht so oft besuchen und sie in Ruhe lassen. Das erzählte er Gerd. „Untersteh dich“, rief Gerd, „ Oma lauert jeden Tag auf dich, sie hat Angst, dass du nicht kommst. Weißt du was sie gestern von mir wollte? Ich soll für dich grüne Götterspeise kochen. So weit kommt’s noch, dass ich zu kochen anfange.“ Leonard war glücklich.

In der Weihnachtszeit war es Tradition, dass Gerds Oma für den Posaunenchor Plätzchen backte. Da sie das nun nicht mehr allein konnte, bat sie Leonard ihr zu helfen. Er willigte auch sofort ein. Mit seiner Oma hatte er auch immer gemeinsam Plätzchen gebacken. Als die Plätzchen im Backofen waren, klagte ihr Leonard sein Leid mit Frau Frömmle. Da erzählte Gerds Oma von ihren Erfahrungen. „Weißt du, Leonard, ich konnte sie auch am Anfang nicht leiden. Als ich im Krankenhaus lag, kam sie jeden zweiten Tag, um mich zu besuchen. Sie hat es nicht spüren lassen, aber ich weiß, dass es für sie nicht einfach war, Zeit zu finden. Anfangs war ich sehr zurückhaltend, doch allmählich taute das Eis, und wir erzählten einander von unserem Leben.

Ich hatte mich dazu entschlossen, zur Kirche zu halten, als uns die Kommunisten die Felder weggenommen hatten. Zur Kirche hielt ich mit allen Konsequenzen weil, ich immer hoffte, dass die Kirche es den Kommunisten mal richtig zeigen würde. Die Kirche zeigte es den Kommunisten nie so richtig, aber ich blieb mir treu. Durch die Gespräche mit Frau Frömmle begann ich langsam, über mein Leben nachzudenken. Ich hatte ja Zeit dazu. Manches fiel mir ein was ich falsch gemacht hatte und wofür ich mich schämte. Vieles hätte ich gern anders gemacht. Einige Leute bei, denen ich mich gern entschuldigt hätte, sind schon gestorben. Mit der Zeit habe ich dann gelernt, meine Vergangenheit Gott anzuvertrauen. Heute ist mir wohler wenn ich an damals denke. Auch meine Angst meinen Verwandten zur Last zu fallen, konnte ich loslassen lernen und meine Sorgen zu Gott bringen. Jetzt weiß ich, dass Gott meine Gegenwart kennt und mir hilft. Ich habe dann auch noch gelernt, Gott meine Zukunft anzuvertrauen. Jetzt habe ich keine Angst mehr davor zu sterben.“ „Sie dürfen nicht sterben“, rief Leonard laut. „Oma ist gestorben, und ich war ganz allein. Ich will nicht, dass Gott Sie mir auch noch wegnimmt!“ „Weißt du“, sagte Gerds Oma, „wenn ich nicht mehr bin, hat Gott schon eine Lösung für dich im Ärmel. Außerdem sehen wir uns bald wieder in Gottes neuer Welt.“ „Bis ich so alt werde wie Sie, dauert es doch noch ewig“„Glaub mir“, sagte Gerds Oma, „ das Leben geht so schnell vorüber, und ehe du dich versiehst, ist es vorbei. Dann feiern wir aber ein richtiges Wiedersehen.“ „Mit Himmelssekt?“ fragte Leonard übermütig. „Na klar,“ erwiderte sie und stupste mit ihrem Arm an Leonards Schulter. „Übrigens, wenn mir jetzt etwas an Frau Frömmle nicht passt, dann sage ich ihr das direkt. Hinter vorgehaltener Hand will ich nicht mehr über sie reden.“

Zu Hause sagte Leonard sich: Ich will zu Gott halten, und am Ende in seine neue Welt kommen, um Gerds Oma wieder zu sehen, und meine Oma auch!

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