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8. Herr Knechter und das Ständchen
Zur ersten Probe nach den Sommerferien fragte Herr Knechter, wer mit zum Ständchen kommen könne. Da ein Gemeindeglied 70 Jahre alt würde, wäre es schön, wenn der Posaunenchor blasen könnte.
Auf die Frage hin, wer das Gemeindeglied denn se,i stellte sich heraus, dass das der ehemalige Arzt des Dorfes ist. Leonard hatte keine Lust.
Nach der Probe fragte Herr Knechter ihn, warum er nicht mitkommen wolle. „Ach, ich kann da nicht so richtig“ druckste Leonard herum. Herr Knechter merkte sofort, dass Leonard keine Lust hatte. „Was hast du denn so Wichtiges vor, das du nicht kommen kannst?“ „Ach, ich weiß nicht, beim Doktor blasen, muss ich denn da mit?“ „Weißt du Leonard, wir Christen gehören zusammen, nicht nur im Gottesdienst, auch beim Feiern. Vor zwei Jahren hatte unser Posaunist Eberhard Silberne Hochzeit. Er ist derjenige, der den weitesten Weg zu uns hat. Trotzdem ist er zu fast jeder Probe und jedem Ständchen da. Er hatte uns alle eingeladen. Wir sollten keine Instrumente mitbringen, da er eine Band engagiert hatte. Plötzlich musste ein Bläser zu einem anderen Fest, der andere hatte zu tun, ein dritter kam nicht, weil wir keine Instrumente mitbringen sollten. Am Ende war ich ganz allein. Eberhards Dorf ist zwar ganz klein, doch sie haben ein Kulturhaus. Er hatte den Saal gemietet. Es war ein riesiges Fest. Das halbe Dorf war da und seine ganze Verwandtschaft. Nur vom Posaunenchor, mit dem er jede Woche zusammen musiziert, war ich allein zu Gast. Ich habe mich in Grund und Boden geschämt! Mir fiel das Gleichnis vom Hausherren ein, der zum großen Fest einlädt, und keiner kommt. Zum Glück war auch sein Pfarrer zugegen. Der erzählte mir, dass sich Eberhard und seine Frau am nächsten Tag noch einmal einsegnen lassen. Ich habe dann das Fest sehr bald verlassen und den Bläsern telefonisch klar gemacht, dass sie zur Einsegnung kommen und blasen sollen. Wir haben die beiden richtig überrascht und wurden zum großen Resteessen eingeladen. Die Reste haben wir nicht geschafft, aber es war ein schöner Nachmittag. Damals habe ich begriffen, dass wir zusammengehören. Nicht nur in Not einander beistehen, wie es Christenpflicht ist, nein auch zusammen feiern ist wichtig.“ „Na ja“, meinte Leonard, „das kann ja richtig sein, aber irgendwie ist der Doktor ein komischer Mensch“. „Was heißt schon komisch? Manchmal ist er vielleicht etwas eigenartig, doch er ist nicht bösartig. Wir haben schon über manche Eigenart gelacht, doch er ist ein guter Mensch, der vielen geholfen hat“. „Aber mir geht er mit seiner Flöte auf die Nerven. Immer wenn er denkt muss er sich in den Vordergrund schieben und ein Lied herausquietschen“. Herr Knechter wurde ernst. „Weißt du, Leonard, ich bin auch kein Freund der Flöte, aber ich weiß dass er damit nur Freude machen will. Solche Menschen wie den Doktor nennt man Originale. Leider gibt es viel zu wenige davon. Als unser Posaunenchor gegründet wurde, gab es einige, ohne die wir wahrscheinlich nicht mehr existieren würden. Da war zum Beispiel die Grete. Grete war schon alt. Sie saß tagein tagaus auf der Bank vor ihrem Haus. Weil sie auch im Winter bei klirrender Kälte dort saß, nannten wir sie Feinfrostgrete. Zu ihr setzten sich fast alle Frauen des Dorfes .Selbst wenn sich die größten Feindinnen bei ihr einfanden, saßen sie, eine zur rechten und eine zur linken, und es gab keinen Streit.
Auch Hilde gehörte zu den Originalen in unserem Dorf. Sie half, wenn Kinder zur Welt kamen und wusch die Toten. In fast jedem Haus war sie, wenn es etwas zu helfen gab. Ihr Fehler war aber, dass sie kein Geheimnis für sich behalten konnte.
Es gab noch mehr solcher Menschen in unserer Gemeinde. Jeder hatte sein Gutes und jeder hatte Fehler. Uns junge Bläser haben sie immer gern gesehen, auch wenn unser Können noch recht dürftig war. Ohne ihre Liebe hätten wir bestimmt aufgegeben. Sie wollten uns hören, auch wenn andere noch über uns lächelten. Das war die Verpflichtung, die uns antrieb.“ „Muss es denn wirklich sein?“, fragte Leonard. „Ja“, sagte Herr Knechter und damit war das Thema abgehakt.
Am Abend des fraglichen Tages kamen die Bläser zusammen und spielten Choräle und Volkslieder. Als sie fertig waren, wurden sie zum Essen eingeladen. Der Doktor hatte ein Zelt aufgestellt und als Beleuchtung die Weihnachtsbaumkerzen mit den Spitzen nach unten aufgehängt. Alle fanden das recht originell, für Leonard aber war das nur eine Bestätigung seiner Meinung vom Doktor. Gerade als sie zu essen beginnen wollten, kamen neue Gäste. Es war der Chor einer anderen Kirchgemeinde, in der der Doc früher gelebt und gesungen hatte. Die meisten Sängerinnen- Sänger waren nur zwei dabei- waren um die sechzig Jahre alt.
„Au weia“, raunte Gerd Leonard zu, „lauter alte Radieschen, nach dem Essen machen wir´ne Fliege“.Die „alten Radieschen“ stellten sich auf und gaben ein Ständchen, dass die Bläser nicht mehr aus dem Staunen herauskamen. Nach einigen Kirchenliedern sangen sie Volkslieder. Einige Texte hatten sie umgeschrieben und so einige Erlebnissemit dem Doc aufs Korn genommen. Leonard war begeistert. Er staunte, wie gut die „alten“ Damen drauf waren! Natürlich waren die Sängerinnen und Sänger auch eingeladen. Beim Essen kam die Unterhaltung schnell in Gang.„Ach“, meinte Herr Knechter, „ kam er auch bei Ihnen immer zu spät zum Gottesdienst? Immer wenn zwischen Epistel und Evangelium die Türe klappt, dann weiß ich, dass der Doc kommt“. Ehe man sich´s versah, tauschten die Musiker Erlebnisse mit dem Doktor aus.
„ Die Bauernhäuser bei uns haben doch immer so kalte Hausflure. Meist sind sie gefliest. Weil die Fliesen so kalt sind, haben früher die Frauen ihre frischgebackenen Kuchen darauf abkühlen lassen. Der Doktor war noch neu hier. Er wollte natürlich einen guten Eindruck in unseren Dörfern machen. Stets trat er sich die Schuhe ab, wenn er in die Häuser kam. Einmal trat er sich die Schuhe ab- im frischgebackenen Mohnkuchen!.“ erzählte eine Sängerin.
„Eins muss man dem Doktor lassen“, sagte ein Sänger, „er hat sich Zeit für seine Patienten genommen“. „Sein Motto war, wer krank ist, der hat auch Zeit. Darum war sein Krankenzimmer auch so voll. Mancher hat vier Stunden gewartet“, kam ein Zwischenruf.
„Ja, ja, Zeit hatte der Doc. Einmal lag unser Sohn mit vierzig Fieber im Bett. Er sollte eine Spritze bekommen. Als der Doktor die Spritze aufgezogen hatte, begann gerade die Tagesschau. Er sah ins Fernsehen mein Sohn sah auf die Spritze. Der Kleine begann zu zittern, und das nicht vom Fieber. Der Doktor sah immer noch ins Fernsehen, mein Sohn immer noch auf die Spritze. Als die Nachrichten vorüber waren, gab er dann die Spritze. Der Junge war ganz durchgeschwitzt, nachdem der Doc weggegangen war“, warf eine Frau ein.
„Wisst ihr noch“, rief eine andere, „der Doktor hat doch immer gerne Brötchen gebacken. Als wir unseren alten Pfarrer in seiner neuen Stelle besuchen wollten hatten wir doch versprochen, das Essen mitzubringen: Salate, Würste, Kuchen usw. Der Doc hatte sich verpflichtet, die Brötchen zu backen. Pünktlich zur Abfahrt kam er. Auf dem Arm hatte er die Schüssel mit Brötchenteig. „Den müssen wir jetzt noch backen“, sagte er. Von wegen noch backen. Ich habe den Doktor auf den Rücksitz verfrachtet mit seiner Schüssel Teig auf dem Schoß. Eine Stunde Autofahrt hatten wir zu überstehen, und der Teig quoll und quoll.“
„Ich bin dem Doktor sehr dankbar“, sagte eine andere, „als unsere Oma im sterben lag, kam er, ohne dass wir etwas gesagt hatten, früh um vier zu uns. Er hat noch einmal geholfen, sie frisch zu machen, und blieb bei uns, bis sie tot war. Es hat mir damals sehr gut getan, wie rührend er sich um uns kümmerte.“ So folgte Geschichte um Geschichte. Leonard und Gerd hatten längst vergessen, dass sie heimgehen wollten. „Neulich, in der Bibelstunde“, „erzählte Herr Knechter, „ hatte er berichtet wie ihn ein Rowdy in der 30km Zone überhole. Auf meine Frage, wie er darauf reagiert habe, antwortete er: ´Ich bin hinterhergefahren, denn ich wollte sehen, was der für ein Nummernschild hatte´.“„Lasst nur sein“, sagte eine Frau, die bisher geschwiegen hatte, „ohne den Doktor wäre ich heute nicht hier, vielleicht wäre ich sogar schon tot. Ihr wisst doch, dass ich vor einigen Jahren schwere Depressionen hatte. Es war eine schlimme Zeit. Obwohl ich körperlich gesund war, konnte ich nichts tun. Es schien, als ob meine Seele gelähmt wäre. Manchmal hatte ich nicht einmal die Kraft, mich zu waschen. Viele meiner Freunde kamen nicht mehr, mich zu besuchen. Meist ließen sie nur schöne Grüße ausrichten. Na ja, ich war ja auch keine gute Gastgeberin. Der Doktor kam immer wieder mal, obwohl ich nicht sehr freundlich zu ihm war. Eines Tages dann brachte man mich ins Krankenhaus. Dort wurde mir geholfen. Als ich entlassen wurde, holte mich mein Mann ab, und wir fuhren mit dem Bus heim. Auf dem Nachhauseweg kam uns meine beste Freundin entgegen. Kaum dass sie uns gesehen hatte, wechselte sie die Straßenseite und tat, als würde sie uns nicht sehen. Sie konnte zwar nicht wissen, dass es mir besser ging, doch es tat mir sehr weh. Einige Meter weiter sah uns der Doktor. Er rannte über die Straße auf uns zu. Beinahe wäre er noch von einem Auto überfahren worden. Er nahm mich in die Arme und drückte mich ganz fest. Als ich am Abend im Bett lag, musste ich immer wieder an meine Freundin denken. Bitterkeit stieg in mir auf. Ich hatte Angst, dass ich wieder krank werden würde. Immer wieder sagte ich mir: Aber der Doktor hat dich in den Arm genommen, ohne zu wissen, ob du gesund bist. Immer wieder kämpfte ich so gegen die Bitterkeit an. Ich weiß nicht, wie lange ich so mit mir gerungen habe. Mir erschien es, als ob ich es bald nicht mehr schaffe, gegen diese Gefühle anzukämpfen. Plötzlich erklang unter unserem Schlafzimmerfenster eine Flöte. `Befiehl du deine Wege´ spielte der Doktor mir als Ständchen und es wurde ruhig in mir. Wer weiß, was aus mir geworden wäre, wenn der Doktor nicht dieses Lied gespielt hätte“.
Mittlerweile war es dunkel geworden. Die Weihnachtsbaumbeleuchtung erfüllte ihren Zweck als Partylicht. Mitten in die Gespräche hinein erklang ein Abendlied, gespielt von einer Flöte. Das Gerede verstummte. Auf einmal hatte Leonard ein Gefühl, das er nicht beschreiben konnte. Es war ein Erlebnis von Stille, Geborgenheit, Wärme und einer kleinen Melodie. Plötzlich merkte er, wie ihm die Augen feucht wurden.
Als sie nach Hause gingen sagte Leonard zu Gerd: „Ich hätte nicht gedacht, was der Doktor für ein feiner Mensch ist. Ein Glück, dass ich das Ständchen mitgemacht habe“. Im stillen nahm er sich vor, sich nie wieder über das Geflöte vom Doktor aufzuregen.
Wenn ich groß bin, sagte er sich dann, werde ich auch ein Original.
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