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4. Herr Knechter und das Ständchen

„Leonard“, sagte Herr Knechter, „am Sonntag kommst du mit zum Ständchen“. Leonard war gerade zum Einzelunterricht bei seinem Chorleiter. „Wollen Sie mich wirklich mitnehmen, denken Sie denn nicht mehr an das letzte Mal?“ fragte er. „Du kannst zwar noch nicht alle Lieder, aber das macht doch nichts. Die Lieder, die du nicht kannst, spielst du eben nicht mit. Als Jungbläser ist es keine Schande, wenn man nicht alles mitspielt.“  „Mein Vati würde sagen, wenn du nichts machst, dann mach wenigstens einen guten Eindruck.“ „Genau! Um eins treffen wir uns an der Kirche. Um zwei sind wir dann im Behindertenheim in unserer Kreisstadt. Dort ist wieder Sommerfest. Die Posaunenchöre unserer Umgebung wechseln sich jedes Jahr ab. In diesem Jahr sind wir dran. Zuerst spielen wir zum Gottesdienst, danach gibt es ein großes Ständchen. Hinterher gibt's Kaffee und Kuchen. Gemeindeglieder, die sich dem Heim verbunden fühlen, spendieren zu diesem Zweck immer Kuchen. Weil sich keiner der Spender lumpen lässt, gibt es stets ein vorzügliches Kuchenbuffet.“ „Ich weiß nicht“, druckste Leonard herum, “soll ich da wirklich mit?“ „Was ist denn los? Du hast doch sonst auch immer richtig zugefasst wenn es Kuchen gab?“ „Ich meine nur ..., eigentlich ..., na ja ich war noch nie in einem Behindertenheim.“ „Da wird es ja Zeit, dass du mitkommst“, bemerkte Herr Knechter trocken.
„Ich meine“
fing Leonard wieder an, „ich war noch nie mit Behinderten zusammen.“
„Das ist doch gerade ein Grund mitzufahren. Wie willst du deine Beklemmungen gegenüber Menschen mit einer Behinderung loswerden, wenn du nicht auf sie zugehst?“„Ich weiß nicht, wie soll ich mich denn da verhalten? „So wie immer“, sagte Herr Knechter, „nur keine Angst. Menschen mit körperlicher oder geistiger Behinderung können genau so gut oder schlecht sein wie andere, sie verhalten sich nur manchmal etwas ungewöhnlich. Ob du es glaubst oder nicht, auf einige der Heimbewohner freue ich mich schon richtig. Am Sonntag werden wir auch meinen Freund treffen. Er arbeitet in diesem Heim. Von ihm weiß ich, dass viele Bewohner Musik sehr lieben. Ich kann dir voraussagen, wir werden ein dankbares Publikum haben. Bestimmt stellen sich wieder drei Männer neben mich und dirigieren den Posaunenchor mit großen Armbewegungen. Herr Knechter schmunzelte, soll ich dir mal von Klaus erzählen? Manchmal ist Klaus ohne seinen Betreuer aufgeschmissen, trotzdem ist er sehr unternehmungslustig. Sein Taschengeld und das was er in der Werkstatt verdient, spart er immer eisern auf um gemeinsam mit zwei Betreuern und anderen Freunden aus seiner Gruppe in Urlaub zu fahren. Ich weiß noch, einmal waren sie auf Teneriffa. - Klaus hat noch eine andere Eigenart. Immer wenn ein Posaunenchor kommt, stellt er sich zum Chorleiter, sieht ihn von der Seite an: 'Heißt denn du? Kommst 'n du her? Kann du auch Rosamunde spielen?’ ,Rosamunde’ eine böhmische Polka, die vom verunglückten Liebeswerben um ein gleichnamiges Mädchen berichtet, hat schon manchen Posaunenchor in Verlegenheit gebracht. So weit ich weiß, kursiert kein Satz für dieses Lied unter den Posaunenchören. Vor zwei Jahren haben drei Bläser so schlecht und recht improvisiert: Klaus war regelrecht aus dem Häuschen. Der Posaunenchor, der letztes Jahr spielte, hatte keine Bläser, die so etwas konnten. Sie ließen sie sich etwas anderes einfallen. Ein Trompeter blies die Melodie und ein zweiter sang dazu. Er kannte aber nicht den Originaltext. Statt dessen sang er die Parodie, Rosamunde, schenk mir dein Sparkassenbuch, Rosamunde zehntausend Mark sind genug'. Klaus hatte sehr schnell begriffen, dass der Sänger sich einen Jux erlaubte. Ihm gefiel das so, dass er beim Kaffee mehrmals zu dem Bläser ging und ihn kumpelhaft, und mit viel Kraft auf den Arm schlug. ,Barkassenbuch' rief er jubelnd dabei aus. Dem Sänger verging das Jubeln, ihm tat die ganze Woche der Arm weh. Leonard musste hellauf lachen, aber er begriff, dass sein Lehrer diesen Klaus wirklich ins Herz geschlossen hatte. Dieses Mal sind wir nun dran. Ich überlege schon seit geraumer Zeit, wie wir das Rosamunde-Problem lösen könnten. Zum Glück haben wir ja einen jungen Posaunenwart. Den habe ich angesprochen und um einen Satz gebeten. Wie junge Leute eben so sind, er hat sich voll in die Arbeit gekniet. Statt eines leichten Liedsatzes hat er so etwas wie eine Rosamunde-Symphonie geschrieben. Rosamunde als Polka, als Walzer, als Marsch, sogar als Tango musste die Rosamunde herhalten. Die Krönung für unsere Bläser ist, dass er zum Schluss die Polka noch einmal, aber einen Ton höher in G-Dur erklingen lässt. Zurzeit spielst du ja nur in der ersten halben Stunde der Proben mit uns gemeinsam. Darum weißt du auch nicht, dass wir schon ein Vierteljahr an der Rosamunde üben. Am Sonntag soll sie nun erklingen. Ich freue mich schon drauf. Klaus wird Augen machen.“

Am Sonntag war es nun so weit. Zuerst spielten die Bläser zum Gottesdienst im Grünen. Der Altar und das Lesepult waren auf einer kleinen Bühne. Nach dem Gottesdienst postierten sich die Bläser vor der Bühne und wollten ihr Standchen bringen. Herr Knechter stellte sich vor. Da hatte er schon zwei Assistenten. Einer der beiden hatte sich sogar mit einem Kochlöffel, als Dirigentenstab, bewaffnet. Nun kam auch noch Klaus dazu. ,Heißt denn du? Kommst 'n du her?“ „Ich bin der Herr Knechter, und wie heißt du?“„Klaus“ „Hasst du denn ein Lieblingslied, das wir dir spielen können?“ „Ja, ich hör gern, Cherry Cherry Lady'. Kann du dat spielen?“ Herrn Knechter blieb die Spucke weg. Nachdem er ein paarmal tief Luft geholt hatte, hatte er sich gefangen. „Klaus, wir haben Rosamunde eingeübt. Das ist doch auch ein schönes Lied. Können wir das für dich spielen, würde dir das nicht auch gefallen?“ „Geht so“ meinte Klaus. „Situation gerettet“, sagte sich Herr Knechter und hob seine Arme zum Einsatz. Seine Assistenten hoben auch ihre Arme. Sie sahen ihn aus den Augenwinkeln an als warteten sie auf den Startschuss zu einem Wettlauf.

Es ging los. Die Co-Dirigenten dirigierten mit ganzer Kraft. Mit riesigen Annbewegungen begleiteten sie die Rosamunde. Sie ruderten und ruderten, und
durch den Kochlöffel waren einige Notenständer in Gefahr. Doch nicht nur die Gestik, auch die Mimik zeugte davon, dass die Männer mit ganzem Einsatz bei der Sache waren. Einer aus der zweiten Stimme blickte nach vorn. Das hätte er nicht tun sollen. Er sah einen besonders inbrünstigen Augenaufschlag von Klaus. Da prustete er los. Natürlich ist Lachen ansteckend. Die Devise hieß ab jetzt nicht mehr, gut musizieren', sondern, ernst bleiben'. Immer wieder sah man, wie sich ein Bläser hinter seinem Instrument leicht schüttelte. Es ging aber gut, bis auf den Nachschlag. Posaunenchorbläser haben diesen Rhythmus oft nicht im Blut. Auch hier mussten die Bläser in der zweiten Stimme immer noch verzweifelt zählen, um die Töne passend auf zwei und vier zu bringen. In dieser Situation war aber an Zählen nicht mehr zu denken.

Herr Knechter befürchtete, dass die zweite Stimme die Überleitung verpatzen würde. Er rief darum am Ende der Polka: „Aus!“ Die Bläser waren tatsächlich still, nur die Hilfsdirigenten ruderten noch. Herr Knechter rief: „Walzer!“ und gab den Einsatz. Der Posaunenchor setzte richtig ein, nur die fleißigen Helfer waren sich des Taktwechsels nicht bewusst. Sie übten immer noch so etwas wie Zweiertakt, während der echte Dirigent sich schon am Dreiertakt versuchte. In diesem Armgewirr war es den Bläsern fast unmöglich zu erkennen, wer hier eigentlich den Takt angab.

Nun fiel der Tenor, der hier auf zwei, drei kommen sollte, aus. Zum Glück spielte der Bass kräftig seine eins, so dass am Ende alle wieder beisammen waren. Doch auch hier hielt es der Chorleiter für besser, auf die Überleitung zu verzichten. Stattdessen rief er „Marsch“. Es schien so, als wäre das das Signal für zwei andere Bewohner des Heimes. Auf dem freien Platz hinter Herrn Knechter hielten sie Exerzierübungen ab. Einer hatte es sogar geschafft, sich mit einem Besen zu bewaffnen, der gerade herumstand. Im Stechschritt ging es auf und ab bis der Marsch zu Ende war. Hier gab es erst mal eine längere Pause für die Bläser. Auch die fleißigen Helfer ruhten erschöpft von ihren Leibesübungen. Als es schien, dass sich alle Bläser einigermaßen erholt hatten, sagte Herr Knechter: „Tango mit Überleitung in den Schlussteil“.

Die Drei stellten sich auf und warteten auf den Startschuss des Chorleiters. Die Bläser konnten nicht mehr nach vorn sehen, denn der Tango war der schwerste Teil ihrer Rosamunde-Symphonie. Nach dem ersten Schlag blickten alle konzentriert in die Noten, teils wegen des schweren Satzes, teils um nicht laut loszulachen. Nur Leonard, der ja nicht mitspielte, konnte sehen, was sich nun auf dem „Parkett“ abspielte.

Die zwei Marschierer legten den Besen zur Seite und nahmen Aufstellung. Wie ein argentinisches Tangopaar standen sie Arm in Arm. Nach der einen Seite hatten sie die Arme ausgestreckt. Beide bewegten sich nun mit Riesenschritten in Richtung der ausgestreckten Arme über den freien Platz. Nach einer schwungvollen Drehung ging es genau so wieder zurück. Einer in der zweiten Stimme sah am Schluss des Tangos nach vorne. Dabei verlor er den Faden. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als die Noten zu suchen und um Fassung zu ringen. Er fand seinen Einsatz erst wieder, als die anderen schon die Schlusspolka in G-Dur spielten. Bei allem Suchen hatte er aber den Tonartwechsel übersehen. So kam es, dass der Nachschlag statt in G-Dur in g-Moll erklang. Das Ständchen verlief dann ganz normal weiter. Leonard hatte seine Stücke gut geübt und brachte alles fehlerfrei zu Ende. Nur die, Großen’ waren heute sehr unkonzentriert und machten mehr Fehler als sonst, woran das wohl lag?

Beim anschließenden Kaffeetrinken gab es für die Bläser nur ein Thema: die verunglückte Rosamunde. Leonard fiel auf, dass man sich aber nicht über die Behinderten lustig machte, es waren wohl eher die komischen Situationen, die sie heraufbeschworen. In der Schule kam es oft vor, dass jemand ausgelacht wurde. Keiner lachte hier die Menschen aus, auch nicht wenn sie sich komisch verhielten. „Weißt du, Leonard“, sagte Herr Knechter, „sind die Normalen wirklich so normal? Die Menschen hier können sich meist nicht verstellen. Ich komme gern hier her, weil viele der Heimbewohner so ehrlich sind. Kommst du mal wieder mit?“
„Warum nicht?“
, antwortete Leonardund dachte bei sich, „Wenn ich groß bin, werde ich Komponist. Für die Rosamunde muss es doch noch einen einfacheren Satz geben, außerdem hatte sich Klaus ja noch, Cherry, Cherry Lady' gewünscht“.

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