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2. Herr Knechter und das Gebet
Im neuen Jahr begann Leonard mit der Ausbildung bei Herrn Knechter. Zuerst hatte er eine Intensivwoche. Er übte jeden Tag und lernte etwas Neues: atmen, Lippenübungen, Töne auf dem Mundstück und endlich die ersten ordentlichen Töne auf dem Instrument. Anfangs sah er nicht ein, was diese komischen Sachen sollten, doch Herr Knechter erklärte ihm geduldig, wofür alles gut war. Am Ende war Leonard froh, dass die Woche herum war und das Blasen nun endlich richtig beginnen sollte. Woche für Woche erlebte er Erfolge, weil er wirklich ernsthaft und fast täglich übte. Mutti fragte manchmal, ob er schon geübt hätte, hatte aber sonst keine Zeit, sich um Leonards Blaskünste zu kümmern. Die Bläserei machte ihm immer mehr Spaß, es störte ihn nur, dass seine Mutter im Grunde dagegen war. Sie war weniger gegen das Blasen, es lag eher daran, dass der Posaunenchor zur Kirchgemeinde gehörte. Oma war da anders gewesen Sie ging oft in die Kirche und betete auch regelmäßig selber, sogar wenn sie von niemand den Auftrag dazu bekam. Ob Mutti früher zur Kirche ging, wusste Leonard nicht. Oma war traurig, wenn sie davon erzählte dass Mutti damals in der DDR zur Erweiterten Oberschule ging. Dort hatte man den Schülern erzählt, dass alle, die zur Kirche gehen, dumm sind. Die Wissenschaft hätte schon lange bewiesen, dass es keinen Gott gibt. Sagte Oma manchmal zu Hause etwas vom Glauben, da meinte Mutti nur: „Ach du immer mit deinem Gott“. Für sie war das nur etwas für Rückständige, die nur noch nicht wussten, was die Stunde geschlagen hatte. Manchmal überlegte er sich, wie er Mutti überzeugen könne, dass es in der Kirche doch nicht so schlimm zuging, wie sie sich immer dachte.
Eines Tages, beim Unterricht vertraute er seine Probleme Herrn Knechter an. „Können Sie Beten?“, wurde dieser von seinem Schüler gefragt. „Wieso“ „Immer wenn Oma von Muttis Verhältnis zum Glauben sprach, dann sagte sie: Da hilft nur beten. Wenn Oma jetzt tot ist gibt es doch keinen mehr, der für meine Mutter betet“. „Und warum betest du nicht selber?“, fragte Herr Knechter. „Ich weiß doch gar nicht, ob ich das kann. Wie betet man denn?“ „ Was hat denn deine Oma dir beigebracht?“ „Ich bin klein, mein Herz mach rein, soll niemand drin wohnen als Jesus allein. Das passt aber überhaupt nicht für Mutti“ „Weißt du“, sagte Herr Knechter, mit Gott kann man reden wie mit einem Freund, man kann ihm alles sagen.“ „ Wird dann alles so, wie ich es erbeten habe?“ „ Wenn du einen Freund um etwas bittest, macht er dann immer alles was du willst?“ „Nö, manchmal sagt mein Freund auch zu mir: Du spinnst. Vielleicht hat er dann ab und zu recht.“ „ Siehst du, so kannst du dir das auch mit Gott vorstellen. Mit dem Gebet kann man manchmal sehr unterschiedliche Erfahrungen machen; man kann es auch nicht verhindern, dass man positiv überrascht wird.“ „Haben Sie denn schon gebetet und Gott hat gehört?“ - „ Ich glaube Gott hört immer, nur manchmal hat er eine ganz andere Vorstellung von seiner Antwort als wir. Ein Beispiel von mir. Ein Kollege von mir hatte ein Augenleiden. Das wurde so schlimm, dass er operiert werden musste. Ich hatte ihn in der Klinik besucht und ihm gesagt, dass ich für ihn gebetet habe. Während der Operation gab es ein Problem und das Auge wurde blind. Ich habe ihn dann lange nicht gesehen, weil er nicht mehr bei uns arbeiten konnte. Eigentlich war ich froh darüber, dass wir uns nicht sprechen konnten, denn was sollte ich ihm sagen, wenn er mich auf mein Gebet ansprach? Er machte eine Umschulung, ließ sein anderes Auge operieren und fand eine gute Arbeitsstelle. Dort lernte er seine Frau kennen, hat heute ein Kind mit ihr und scheint recht zufrieden zu sein. Alles in allem hat er sich trotz dieses tragischen Ereignisses verbessert. Ich bin schon der Meinung, dass das Gottes Antwort auf mein Gebet war, vor allem da er vor der Operation zu vereinsamen drohte. Trotzdem könnte ich ihm das nicht ins Gesicht sagen, wenn ich ihn sehen sollte“ „Da kommt mir noch eine andere Idee“, sagte Leonard. „Sie sind doch so alt wie meine Mutti?“ „Kann sein“. „Sie sind doch nicht verheiratet, da könnten Sie doch meine Mutti heiraten und sie dann von Gott überzeugen. Eigentlich ist sie ganz prima, nur die Kirche und Gott kann sie nicht so richtig leiden.“ „Weißt du“, sagte Herr Knechter, „das ist wohl nicht der richtige Weg. Wenn man sein Leben miteinander teilt, dann sollte man sich vorher einig sein ob man auch einen gemeinsamen Glauben hat“. „Schade“, meinte Leonard, und damit war dieses Gespräch beendet.
Im Aushang der Kirchgemeinde sah er eines Tages die Ankündigung einer Veranstaltung zum Weltgebetstag.Mutti sagte: „Geh nur hin, du wirst schon sehen, was du davon hast“ Leonard ging hin. Herr Knechter war auch dort. Er schien sich zu freuen, dass er nicht der einzige Mann war. „Wieso sind hier nur Frauen, Gebet ist wohl nichts für Männer?“ „Bin ich kein Mann?“, fragte Herr Knechter. „Ja, schon, aber der einzige“. „Das ist so: Die Veranstaltung heißt Weltgebetstag der Frauen, da fühlen sich die Männer in unserer Gemeinde nicht angesprochen, obwohl das nur heißen soll, dass Frauen aus aller Welt diesen Tag vorbereitet haben.“ Es war ein prima Nachmittag. Ein Vortrag über das Land, das dieses Jahr Gastgeber war, Lichtbilder, ein Gottesdienst und vor allem noch Speisen wie man sie dort kochte. Leonard schmeckte es vorzüglich, und die Frauen aus der Gemeinde wollten den Kleinen wahrscheinlich mästen. Mit prallgefülltem Bauch kam er nach Hause. „Na, wie war der Gebetstag?“, fragte Mutti. „Sehr nahrhaft“.
Auch wenn ihm der Weltgebetstag gut gefallen hatte, sein Problem hatte Leonard immer noch. Mir wird nichts anderes übrig bleiben, als selbst zu beten, dachte er sich, aber wie fange ich an? Oma hatte immer gesagt: Lieber Vater. Diese Anrede erinnerte ihn an Vati. Einen Gott, der in Europa rumreiste um Zelte aufzubauen, und niemals Zeit hatte konnte Leonard nicht gebrauchen. Nach langem Grübeln entschloss er sich dann, Lieber Gott zu sagen. Für einen Ungeübten war das mit dem Beten doch richtige Arbeit. Endlich war sein Gebet fertig. Es lautete:
Lieber Gott, ich übe, wie du bestimmt weißt, regelmäßig Trompete. Ich will auch mit in den Posaunenchor. Eigentlich tue ich irgendwie auch was für dich. Nur Mutti kann die Kirche nicht leiden, darum passt ihr es auch nicht, dass ich mitblasen will. Mach doch, dass sie froh ist, dass ich den Posaunenchor habe. Dein Leonard.
Als er sich erinnerte, dass Oma immer Amen am Schluss sagte, sagte er das auch. Die Bedeutung von diesem Wort war ihm zwar unbekannt, doch wahrscheinlich wird ein Gebet erst durch ein Amen gültig.
Am nächsten Tag war er sich sicher, dass sein Gebet noch nicht bei Gott angekommen war. Mutti hatte nämlich einen Brief aus der Schule bekommen. Darin stand, dass Leonard in diesem Jahr eine Fünf in Mathematik bekommen soll. Wenn er sich nicht bis zum Schuljahresende verbessert sei er versetzungsgefährdet. Das war ein Zirkus zu Hause! Mutti regte sich mächtig auf. Leonards Argument, dass alle bei diesem blöden Mathematiklehrer schlechter geworden sind, ließ sie überhaupt nicht gelten. „Entweder du verbesserst dich in Mathematik oder du darfst nicht mehr Trompete spielen“, das war ihr letztes Wort.
Zur nächsten Übungsstunde erzählte er alles Herrn Knechter. Der hörte erst einmal zu. „Bist du sicher, dass es an deinem Lehrer liegt oder war es vielleicht doch nur Faulheit?“ „Letztes Jahr hatte ich noch eine Zwei, als in diesem Jahr der neue Lehrer kam habe ich kaum etwas verstanden. Immer wenn ich zu Hause üben wollte war alles weg. Sogar unser Klassenbester steht in Mathematik inzwischen auf Drei.“ „Mal sehen was sich da machen lässt“, sagte Herr Knechter, „ich rede mal mit dem Langen. Der studiert Physik, da wird das bisschen Mathematik schon zu machen sein“. Der lange Physikstudent, der mit der Tuba, willigte ein. Er gab Leonard ab sofort Nachhilfeunterricht. Der Lange führte ein strenges Regiment. „Wenn du nur kurz vor den Arbeiten kommst, und das Kind in den Brunnen gefallen ist, dann brauchst du erst gar nicht bei mir anzutreten. Wenn du kommst, dann regelmäßig.“ Leonard akzeptierte die Bedingung. Zuerst, wie beim Trompetenunterricht, eine Intensivwoche, dann jede Woche zweimal eine Stunde. Nachdem die ersten Hürden überwunden waren ging es langsam aufwärts. Zuerst bekam er eine Vier, dann eine Drei, und bei der nächsten Arbeit eine Zwei. Als Mutti sah, dass die Zensuren besser wurden, sagte sie nichts mehr gegen den Trompetenunterricht. Sie war stolz auf ihr pädagogisches Geschick, denn Leonard hatte nichts von den Übungsstunden erzählt. Die Mathematiknachhilfe war wirklich prima. Der Lange hatte wirklich großes Geschick beim Erklären der Aufgaben. Nur manchmal konnte er es sich nicht verkneifen zu sagen: „ „Wir rechnen so etwas viel einfacher als ihr in der Schule“. Das schönste war aber das Zimmer seines Posaunenchorhelfers. Da, wo bei anderen Poster von Popgruppen hingen, gab es hier Sternenkarten. Ob es bei allen Physikstudenten so aussah, wusste Leonard nicht, aber der hier studierte Astronomie. Bald schon kannte Leonard den Andromedanebel besser aus als die Deutschlandkarte. Manchmal freute er sich direkt auf die Nachhilfe, weil er das Gefühl hatte, seinen großen Bruder zu besuchen.
Gegen Ende des Schuljahres gab es einen riesigen Krach in der Schule. Die Eltern hatten sich in der Elternversammlung über den Mathematiklehrer beschwert. Dass die Leistungen der gesamten Klasse rapide zurückgegangen waren, konnte nicht nur an den Schülern liegen. In der Elternversammlung ging es hoch her. Der Mathematiklehrer wusste sich kaum noch zu helfen. Am Schluss sagte er, dass es doch auch einen Schüler gäbe, der im letzten viertel Jahr viel besser geworden war, nämlich Leonard. Leonards Mutter wurde gefragt, wieso. „Als ich ihm das letzte Mal so richtig den Kopf gewaschen hatte wurde es besser mit seinen Zensuren“, sagte Mutti. Der Direktor bat sie, mit ihrem Sohn doch am nächsten Tag in sein Büro zu kommen. Dort fragte er Leonard wieso er sich so stark verbessert hätte, während seine Klassenkameraden immer schlechter wurden. Leonard erzählte alles ganz genau. Angefangen mit der Übungsstunde bei Herrn Knechter bis zum Nachhilfeunterricht beim Langen. „Na, da können Sie aber froh sein, dass Ihr Sohn den Posaunenchor hat“, sagte der Direktor. „Bin ich auch“, entgegnete Mutti, „er scheint dort doch ganz gut aufgehoben zu sein“ Leonard traute seinen Ohren kaum. Ob sein Gebet inzwischen bei Gott angekommen war? Wenn ich groß bin, werde ich das mit dem Gebet ganz genau erforschen, dachte er sich.
Warum fange ich eigentlich nicht jetzt schon an?
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